Dietrich Kittner

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Gastkolumne von Dietrich Kittner

Humaner Imperialismus

Vor bald hundert Jahren erschien auf dem Büchermarkt eine wichtige Schrift: “Der Imperialismus als das höchste Stadium des Kapitalismus”. Leider erwies sich der Titel für den täglichen Gebrauch als ein wenig sperrig, sodass die Wissenschaft heute allgemein eine etwas griffigere Bezeichnung bevorzugt: “Globalisierung”. Soweit das Formale.

Inhaltlich geändert jedoch hat sich an den in der oben erwähnten Schrift geschilderten Umständen und aufgestellten Thesen nur wenig. Im Gegenteil: ihre Stichhaltigkeit wird in der Realität gegenwärtig deutlicher belegt denn je zuvor.

Dieser Tage nun hat eine gewisse Frau Merkel geäußert: “Wir wollen der Globalisierung ein menschliches Gesicht geben.” Das ist neu: Humaner Imperialismus also. Fast so schön wie ein demokratischer Faschismus. Oder wie trockenes Wasser.

Immerhin lässt die Frau Merkel schon mal durchblicken, dass sie – vermutlich nach längeren und eingehenden Studien – zu der Erkenntnis gelangt ist, der Imperialismus sei auf irgendeine Art doch ein wenig unmenschlich. Bravo. Wladimir Iljitsch Sankt Peter (denn auch er ist ja umbenannt worden) würde sich freuen.

Wie sehen sie denn aus, die Kinderkrankheiten der Globalisierung, des vulgo Imperialismus? Die Kolonien werden von den “führenden Wirtschaftsmächten” ausgebeutet wie noch nie, nur eben mit etwas menschlicherem Gesicht: die Entwicklungsländer (Dritte Welt kann man nicht mehr gut sagen, denn die zweite ist ja bis auf ein paar wenige Enklaven weitgehend abgeschafft), die Entwicklungsländer dürfen ihre ausweglose Armut selbst verwalten; soweit dies die weltumspannenden Finanzorganisationen des Kapitals zulassen, natürlich nur. Das ist erstens billiger als Kolonien zu unterhalten und verschiebt zweitens des besseren Eindrucks halber die Schuldfrage: die Schwarzen können halt nicht wirtschaften, sind überdies sowieso alle korrupt. Fast wie Siemens.

Bei uns, da, wo die Bananen billig sind, sodass man von “Bananenrepubliken eines neuen Typus” reden könnte, machen Konzerne maßlose Gewinne, lebt die Nomenklatura streng abgeschottet vom Rest der Bevölkerung in Luxus, während Millionen Menschen als Bodensatz der “reichen Industrienationen” von “Niedrigverdiener”-Hungerlöhnen ihre Familien nicht ernähren können oder versuchen müssen, sich als Hartz-IV-Parias durchzubringen.

Dafür, dass alles in solch schönster Ordnung bleibt, gibt es die “innere Sicherheit”. Die garantiert unter anderem ein kranker Innenminister, der nach einem selbst erlittenen Attentat möglicherweise an einem zwar menschlich nachvollziehbaren, ggfl. jedoch durchaus therapiebedürftigen Sicherheitstrauma leidet. Die Mediziner würden so etwas eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennen. Da fordert er seit Jahren mit ständig wechselnden Terroristenbesetzungen die Möglichkeit des bewaffneten Militäreinsatzes im Innern. Für den Fall, dass der Bodensatz doch mal aufmuckt? Im Abhören von Telefonen und Wohnungen ist die BRD sowieso längst Weltmeister. Eine für die Polizei nutzbare Foto- und Fingerabdruckkartei eines ganzen Volkes soll es geben, heimlichen Zugriff des Staates auf private Gedanken, Liebesbriefe, Tagebücher – auf alles, was Menschen so ihrem Computer anvertrauen. Vorbeugehaft, Reiseverbote. Zwangsweise menschliche Duftproben, damit man die Hunde darauf hetzen kann. Die Gen-Datei … Selbst Hitler besaß so weitgehende technische und gesetzliche Möglichkeiten der Überwachung nicht. “Die Polizei ist das Rückgrat unserer modernen Demokratie” (Otto Schily). Darf, nein: muss man das schon Polizeistaat nennen?

Selbstverständlich nicht. Denn all diese Maßnahmen dienen doch nur der Sicherung einer gottgewollten Globalisierung, der nämlich, die laut der Frau Merkel nun doch ein menschlicheres Gesicht erhalten soll. Und zwar durch die acht Großkopfeten, wenn sie sich an der Ostsee in einem – allerdings erheblich luxuriöseren und schärfer bewachten – Neu-Wandlitz verschanzen, um über die Steigerung der Gewinne ihrer jeweiligen Konzerne nachzudenken.

Das Ganze kostet uns 150 Millionen Euro. Inklusive Gourmet-Orgie, denn anders als bei unseren Arztbesuchen oder Krankenhausaufenthalten ist eine Selbstbeteiligung für die Mitglieder der Tafelrunde unverständlicherweise nicht vorgesehen. Wenn es um das Menschliche im Imperialismus geht, sollte uns nichts zu teuer sein.

Leider hat die Frau Merkel schon öffentlich davor gewarnt, allzu große Erwartungen an die Ergebnisse der Heiligendammer Plaudereien zu knüpfen. Da wird es wohl doch nix mit dem menschlichen Gesicht. Schade. Man müsste dann eben über andere Lösungsmöglichkeiten nachsinnen. Etwa die: Wo die Herrschaften eh schon hinter Stacheldraht tagen – wie machen wir einen Dauerzustand daraus? Möglicherweise wäre dies ein erster kleiner Schritt in Richtung Humanisierung der Globalisierung?